Der Kongress

Welt Wollen – Gottfried Kellers Moderne (1819-1890)

Der Zürcher Kongress aus Anlass des 200. Geburtstags Gottfried Kellers unternimmt den Versuch, eines der bedeutendsten literarischen Laboratorien der Moderne neu zu entdecken. Nicht nur die Zeitgemässheit, d.h. die historische Kontextualisierung, sondern vor allem der Anachronismus, die ‹Zukünftigkeit› von Kellers Werk sollen im Zentrum der Diskussionen stehen: Welche Linien führen aus der Welt, die Keller nicht mehr erlebt hat, direkt zurück in seine Manuskripte, zu seinem Wissen, zu seinen Erzählungen und zu seinen Medien? Mit welchen ästhetischen, poetologischen und epistemologischen Strategien begegnet Keller der paradoxalen Herausforderung der conditio moderna, aus der Unmöglichkeit von Kunst wieder Kunst machen zu müssen – eine Herausforderung, der sich nicht nur der grüne Heinrich, sondern beispielhaft auch Viggi Störteler aus den Missbrauchten Liebesbriefen oder Herr Jacques aus den Züricher Novellen stellen müssen? Und welche Bündnispartner abseits des literarischen Feldes stehen Keller bei diesem Projekt zur Verfügung?

Die Lektüren, die vor diesem Fragehorizont entstehen sollen, perspektivieren Kellers Werk dabei bewusst als Dokument eines grossangelegten, diskursübergreifenden Transformationsprozesses. Sie tun dies im Widerspruch zu der Einsicht, dass es uns «wohler» sei, «wenn wir nicht zu viel von der Welt wollen und das, was sie uns freiwillig gibt, als gelegentlichen Fund betrachten» (so Keller an Josef Viktor Widmann im Januar 1881). Tatsächlich lassen sich Kellers Texte durchaus als Experimente verstehen, denen es keineswegs um das ‹Wohlsein› zu tun ist und die nicht nur viel von ihrer Welt wollen, sondern auch andere Welten wollen. Aus dem Materialbestand, den ihnen das 19. Jahrhundert stiftet, generieren sie einen Kosmos, in dem (a) Wissenschaft, Ökonomie, Politik und Gesellschaft neu aufeinander bezogen werden; in dem (b) Geschlechterordnungen und Identitätskonzepte zu verschwimmen und dadurch ästhetisch produktiv zu werden beginnen; und in dem (c) die Literatur sich innerhalb des medialen Gefüges neu reflektieren, situieren und definieren muss. Auf welche Weise diese unterschiedlichen Aspekte der Kellerschen Modernität miteinander verschaltet sind und inwiefern die dabei imaginierte Welt Kellers auch ein Massstab der Kritik – nicht zuletzt an der noch jungen Eidgenossenschaft – zu sein vermag: Auch dies soll auf dem Zürcher Jubiläumskongress debattiert werden.