Die Sektionen

Sektion I: Kellers Texte

Der transformative Charakter von Kellers Texten tritt erst mit Blick auf die Techniken und Verfahrensweisen in Erscheinung, mit denen sie selbst ‹prozessiert› werden. In den vergangenen Jahren sind im Rahmen der HKKA die Textgenesen sowohl in gedruckter als auch in digitaler Form zugänglich gemacht worden, so dass nun auf dieser Grundlage dieser Prozess en detail nachverfolgt werden kann. Nicht nur am Beispiel der beiden Fassungen des Grünen Heinrich, sondern auch in vielen anderen Texten lassen sich in Kellers Textarbeit sowohl auf makro- wie auch auf mikrostruktureller Ebene enorme Bedeutungsverschiebungen konstatieren, die tiefe Einsichten in seine kreative Ökonomie ermöglichen. Dazu trägt nicht zuletzt jene radikalen Intra- und Intertextualität bei, der sich diese Hybridität der Texte verdankt. Genese und Generativität sollen in der ersten Sektion auf der materialen Basis der Editionsphilologie neu bewertet werden.

Sektion II: Kellers Wissen

Kellers Texte akkumulieren und generieren – in Abhängigkeit von ihrer literarischen Figuration – Wissen. Bisweilen greifen sie bestimmte Theoreme direkt auf (das gilt etwa für Darwins Evolutionstheorie oder Feuerbachs Philosophie) oder öffnen sich – wie etwa Regine – den modernen Naturwissenschaften. Zugleich verhandeln sie aber immer auch das Geltungsspektrum ‹okkulten Wissens›, partizipieren am spiritistischen Diskurs und erkunden auch solche Wissensbereiche, die mit und in der modernen Literatur überhaupt erst entstehen. Explizit gilt dies sowohl für die epistemologischen Komplexe der Anthropologie wie der Psychologie (beispielhaft natürlich in Kellers Traumbuch), mit deren Paradigmen sich nicht zuletzt die moderne Geschlechterordnung nebst der ihr zugrunde liegenden Ökonomie des Begehrens erschliessen lassen. Die zweite Sektion stellt sich dementsprechend der Herausforderung, Kellers rezeptive wie produktive Partizipation an der epistemologischen Restrukturierung der modernen Welt in den Blick zu bekommen.

Sektion III: Kellers Welten

Kellers Jahrhundert ist dasjenige des Imperialismus und des Kolonialismus. Ob nun Martin Salander, der Held in Kellers letztem Romanfragment in Brasilien sein Vermögen erwirbt, Don Correa aus dem Zyklus Das Sinngedicht erst in Portugal und dann in Angola auf Brautschau geht, Thibaut in der Novelle Die Berlocken aus demselben Zyklus am amerikanischen Freiheitskrieg teilnimmt oder der Grüne Heinrich den Imaginationsraum Asien eröffnet – immer wieder werden die Grenzen zwischen ›Eigenem‹ und ›Fremden‹ vermessen, wird das ›Andere‹ in seiner Imagination lokalisiert und der Prozess von Dekolonisierung und Rekolonisierung reflektiert. In der dritten Sektion soll dieser regelgeleitete gesellschaftliche Prozess beleuchtet werden – und zwar insbesondere auch aus der Perspektive der inter- und transkulturellen Rezeption.

Sektion IV: Kellers Erzählen

Keller ist ein Meister der Erzählkunst. Er interpretiert nicht nur aus der Vormoderne überlieferte literarische Gattungen wie z.B. die Legende neu, sondern prägt u.a. mit Bildungsroman und Novelle auch diejenigen Formen, in denen das moderne Subjekt psychologisch vermessen wird. Zugleich gelingt es ihm, etwa in den Züricher Novellen sowie natürlich in den Leuten von Seldwyla, Hetero-, Dys- und Utopien zu entwerfen und durch Realitätsverdoppelungen mögliche Welten zu schaffen, mit denen die Grenzen von Faktualität und Fiktionalität neu verhandelt werden. Es ist dabei gerade das Wechselspiel zwischen der ‹Künstlichkeit› des Wirklichen und der ‹Wirklichkeit› von Kunst, in dem Keller sich – bereits in den Gedanken eines Lebendig-Begrabenen – als moderner Narratologe erweist. Der Systematisierung dieser Erzählkunst, die Keller explizit unter dem Begriff des Realismus verhandelt, soll in dieser Sektion nachgegangen werden.

Sektion V: Kellers Medien

Als Schriftsteller und Maler experimentiert Keller gezielt mit unterschiedlichen Medien und ihren Formen – mit literarischen Genres ebenso wie mit den Genres der Ölmalerei, über die Kreide- und Bleistiftzeichnung bis hin zur Graphik. Bild und Text, davon handeln sowohl der Grüne Heinrich als auch der Hadlaub, sind sich in diesem Prozess gegenseitig Referenzmedien und reflektieren sich permanent. Den verschiedenen intermedialen Beziehungen sowie den transmedialen Formen der sich von Medium zu Medium fortschreibenden Narrative in Kellers Werk nachzugehen, wird die Aufgabe der fünften Sektion sein.